Mathematiker des Monats Juni/Juli 2016
Johann Georg Tralles (1763-1822)
von Karin Reich
Johann Georg Tralles
Johann Georg Tralles
 
Der erste Professor für Mathematik an der 1810 neugegründeten Berliner Universität war Johann Georg Tralles. Dieser wurde am 15. Oktober 1763 in Hamburg geboren; er stammte aus Verhältnissen, die den Besuch einer höheren Schule nicht erlaubt hätten. Er hatte das Glück, von der 1765 gegründeten Patriotischen Gesellschaft als besonders begabter Schüler entdeckt zu werden, sodass er ab 1774 das Johanneum (vergleiche [7, S. 55f]) und ab 1781 das Akademische Gymnasium in Hamburg besuchen konnte. Sein bedeutendster Lehrer war dort Johann Georg Büsch (1728-1800), der in der Geschichte der Wirtschaftsmathematik einen großartigen Platz einnimmt. Die Patriotische Gesellschaft hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mittellose Talente zu unterstützen und zu fördern und sie so auf eine wissenschaftliche Laufbahn vorzubereiten.
Am 7. Oktober 1783 immatrikulierte sich Tralles für ein Mathematikstudium an der Universität Göttingen, wo Abraham Gotthelf Kästner (1719-1800) und Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) seine wichtigsten Lehrer waren. Noch im Jahre 1783 empfahl ihn Kästner an die Akademie in Bern, wobei aber Tralles bat, erst seine in Göttingen begonnenen Studien fortsetzen zu dürfen. Zwei Jahre später jedoch, 1785, übernahm Tralles die ihm angebotene Professur für Mathematik in Bern, er war erst 22 Jahre alt. Er brachte dort eine Reihe von Änderungen des Mathematikunterrichts auf den Weg und sorgte damit für einen Aufschwung der dortigen Akademie. Im Jahre 1788 stattete er Alessandro Volta (1745-1827) in Como einen Besuch ab, um dessen neueste Entdeckungen kennenzulernen. In demselben Jahr veröffentlichte Tralles sein mehr als 300 Seiten umfassendes Lehrbuch der reinen Mathematik (Bern 1788). Ferner beschäftigte sich Tralles vor allem mit Geodäsie, unter seiner Leitung wurden genauere trigonometrische Aufnahmen mehrerer Gebiete der Schweiz ausgeführt. Zu seinen Schülern zählte z.B. Ferdinand Rudolph Hassler (1770-1843), der später bei der Vermessung der Küsten der USA (Coast Survey) eine besondere Rolle spielte. 1798/99 nahm Tralles als Delegierter der Schweiz an der Internationalen Naturforscherversammlung in Paris teil, wo die neuen Maße und Gewichte beschlossen werden sollten. Dadurch kam Tralles, der sich eineinhalb Jahre in Paris aufhielt, in Kontakt mit den führenden französischen Mathematikern und Astronomen. So schrieb Pierre Simon Laplace am 8. Mai 1806 an Alexander von Humboldt: „Je suis très sensible au souvenir de Monsieur Tralles. Il m’a inspiré beaucoup d’estime pendant son séjour à Paris, et je vois avec grand plaisir que votre Académie a fait l’acquisition d’un membre aussi distingué. Il vous en faudrait encore quelques uns de la même force, mais ils sont rares.“ [8, S. 797]1)
In der Tat wurde Tralles im Jahre 1804 nach Berlin berufen, am 25. Januar wurde er dort Ordentliches Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, und zwar mit einem Gehalt von 1000 Talern. Seit 1810 wirkte er dort als Sekretär der mathematischen Klasse. Es war Wilhelm von Humboldt (1767-1835), der Tralles als Ordentlichen Professor für Mathematik für die neugegründete Friedrich-Wilhelms-Universität vorgesehen hatte. Nachdem diese Professur nur ein zusätzliches Amt bedeutete, lehnte Tralles zunächst ab. Da er als Akademiemitglied jedoch keine Pflicht hatte, Vorlesungen abzuhalten, nahm er den Ruf schließlich doch noch an [4], [5]. Er war der erste Mathematikprofessor an der Berliner Universität, seine Antrittsvorlesung wurde im Jahre 1998 veröffentlicht [6, S. 330-343].
Von besonderem Interesse sind Tralles‘ Beziehungen zu Friedrich Wilhelm Bessel. Es war Tralles, der dafür sorgte, dass Bessel 1809 nach Königsberg berufen wurde. Es existiert ein umfangreicher Briefwechsel zwischen den beiden Gelehrten, der bislang noch nicht veröffentlicht wurde.
Die Berliner Staatsbibliothek besitzt einen besonderen Leckerbissen, nämlich Büschs „Encyclopädie“ in der 2. Auflage. Dieses Exemplar, das nur in der Handschriftenabteilung eingesehen werden darf, stammt aus dem Besitz von Tralles, der es durchschießen ließ, um eigene Anmerkungen notieren zu können. Der 520 Seiten umfassende Band enthält eingeschossene Blätter mit Notizen, seien es Literaturangaben, eigene Berechnungen, Ergänzungen usw. Diese Notizen wären es wert, einmal gründlich untersucht und ausgewertet zu werden (vergleiche nachstehend abgebildete Doppelseite).
Seite aus Bueschs Encyklopaedie mit Tralles-Kommentierung
Doppelseite aus Büschs Encyklopädie mit Tralles‘ Kommentaren
 
Tralles verblieb seiner Heimatstadt Hamburg insofern verbunden, als er 1820 Ehrenmitglied der dortigen Mathematischen Gesellschaft wurde. Er reiste 1822 nach London, um Geräte zur Pendelbestimmung zu beschaffen; dort verstarb er völlig unerwartet am 19. November 1822. Als 1825 der ebenfalls in Hamburg geborene Johann Franz Encke (1791-1865) einem Ruf an die Berliner Sternwarte folgte, gehörte es zu einer seiner ersten Aufgaben, eine „Gedächtnissrede auf Tralles“ zu halten. Encke, der 1823 korrespondierendes und 1825 ordentliches Mitglied der Berliner Akademie geworden war, verlas diese Rede während der öffentlichen Akademiesitzung am 3. Juli 1826.
Dort führte er aus: „Was er [Tralles] der Welt und der Wissenschaft geworden, verdankt er allein der Schärfe seines Verstandes und dem Innern festen Sinne für das Rechte und Wahre, dem er sein ganzes Leben hindurch, nicht ohne manches Opfer und dem schmerzlichen Gefühl hin und wieder sein Streben verkannt zu sehen, unverbrüchlich treu geblieben ist […]. In wissenschaftlicher Hinsicht hat Tralles sowohl in der reinen Mathematik im weitesten Umfange des Wortes, als auch in der angewandten, besonders unsere Akademischen Denkschriften mit einer Reihe der trefflichsten Abhandlungen bereichert.“ Tralles‘ Schriftenverzeichnis umfasst mehr als 30 Einträge.
Encke war in Berlin der Nachfolger des ebenfalls in Hamburg geborenen Johann Elert Bode (1747-1826), sodass man vielleicht von einer besonders guten Beziehung zwischen Hamburg und Berlin in dieser Zeit sprechen darf.
Tralles‘ Nachfolger an der Universität Berlin wurde schließlich im Jahre 1824 Enno Heeren Dirksen (1792-1850).
Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften bewahrt den Nachlass von Tralles auf, der 1,8 laufende Meter umfangreich ist!
 

Referenzen (chronologisch geordnet)

[1]   Franz Encke: Gedächtnisrede auf Johann Georg Tralles, Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1826) 1829, S. XI - XVII
[2]   Johann Heinrich Graf: Johann Georg Tralles (1783-1822): Eine biographische Skizze der Naturforschenden Gesellschaft in Bern zur Erinnerung an die am 18. Dez. 1786 erfolgte Gründung gewidmet, Bern, 1886
[3]   Robert Knott: Tralles, Johann Georg, Allgemeine Deutsche Biographie 38, München, 1894, S. 494 - 495
[4]   Fritz Ulmer: Johann Georg Tralles, ein Hamburger Gelehrter, in: Hamburgische Geschichts- und Heimatblätter 19 (1961), S. 6 - 11
[5]   Gert Schubring: Zur Bedeutung von Johann Georg Tralles als erstem Mathematikprofessor der Universität Berlin, Acta historica Leopoldina 27 (1997), S. 325 - 338
[6]   Gert Schubring: Johann Georg Tralles: Der erste Ordinarius für Mathematik an der Universität Berlin – Eine Edition seiner Antrittsvorlesung 1810, in: Heinrich Begehr (Hrsg.): Mathematik in Berlin - Geschichte und Dokumentation, Zweiter Halbband, Shaker-Verlag, Aachen, 1998, S. 297 - 343, ISBN: 3-8285-4226-6
[7]   Karin Reich: Mathematik und Mathematiker am Akademischen Gymnasium und Johanneum im 18. und 19. Jahrhundert. Ausgewählte Beispiele, Mitteilungen der Mathematischen Gesellschaft in Hamburg 28 (2009), S. 49 - 80
[8]   Roger Hahn: Correspondance de Pierre Simon Laplace (1749-1827), 2 Bde, Brepols Publ., Turnhout, 2013 (De diversis artibus; 90)
 

Bildnachweis

Porträt   Quelle unbekannt
Buchseite und Kommentierung   Mit freundlicher Genehmigung der Wiedergabe durch die Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (SBB-PK), Inv.-Nr.: Libri impr. cum notis mss. qu. 6

1) Ich bin sehr empfänglich, was das Andenken an Monsieur Tralles betrifft. Ich habe ihn während seines Aufenthalts in Paris sehr schätzen gelernt, und ich sehe mit großer Freude, dass ihre Akademie ein so würdiges Mitglied gewinnen konnte. Sie bräuchten noch mehr von dieser Art mit der gleichen Kraft, aber sie sind selten. Ins Deutsche übersetzt von Irene Rupp aus Erzhausen.