Mathematiker des Monats Oktober 2015
Richard von Mises (1883-1953)
von Reinhard Siegmund-Schultze
Richard von Mises
Richard von Mises
 
Richard von Mises wurde 1883 in Lemberg (Galizien), dem heute ukrainischen Lviv, geboren. Er und sein anderthalb Jahre älterer Bruder Ludwig, der spätere bekannte Wirtschaftswissenschaftler, wuchsen in Wien in einer jüdischen Beamtenfamilie auf. Obwohl sie ein geradezu gegensätzliches Verhältnis zur Mathematik trennte, hatten die Mises-Brüder einige ausgeprägte Charakterzüge gemeinsam. Dazu gehörten ein aristokratisches, von manchen als arrogant empfundenes Auftreten, ein starkes individualistisches und elitäres Sendungsbewusstsein, ein ziemlich deutlicher militaristischer Geist im Ersten Weltkrieg und große emotionale Anteilnahme am Schicksal österreichs. Beide hatten zu unterschiedlichen Zeitpunkten unter antisemitischen Zurücksetzungen zu leiden.
Richard von Mises wurde 1905 nach seinem Ingenieurstudium in Wien Assistent bei dem Hilbert-Schüler Georg Hamel (1877–1954) in Brünn, dem er später in Berlin wiederbegegnen sollte. 1909 wurde er außerordentlicher Professor für angewandte Mathematik an der Universität Straßburg. In diese Zeit fällt von Mises´ wahrscheinlich insgesamt einflussreichste Arbeit über die Belastungsgrenze von Metallen beim übergang von der elastischen zur plastischen Deformation (1913) – unter Ingenieuren ist von Mises seitdem noch bekannter als unter Mathematikern.
Während des Weltkrieges war von Mises in der österreichischen Luftwaffe eingesetzt. Er war zeitweise Testpilot mit einem Schein, den er bereits 1914 auf dem Flughafen in Berlin-Johannisthal erworben hatte. Vor allem aber leitete er die Konstruktion eines 600 PS starken „Großflugzeuges“, das für den Bombenabwurf bestimmt war. Es war eines der ersten in dieser Kategorie international, gelangte aber vor allem wegen Motorproblemen nie zum Einsatz. Von Mises´ Buch über Fluglehre (1918), das bei Springer und später auch in übersetzungen durch zahlreiche Auflagen ging, war Resultat der von ihm geleiteten Weiterbildungskurse für österreichische Flugoffiziere. Theoretischer und mathematischer waren von Mises´ Beiträge zur Tragflügeltheorie (1917-1920), wo er unter anderem den später so genannten Begriff des aerodynamischen Zentrums eines Tragflügels einführte. Bei den letzteren Arbeiten hatte ihn der spätere Nazi-Mathematiker Ludwig Bieberbach (1886-1982) unterstützt, mit dem er 1918/19 in Frankfurt Freundschaft schloss und dessen Berufung nach Berlin er 1921 aktiv förderte. Von Mises hatte nach dem Kriege seine Stelle in Straßburg verlassen müssen und erreichte erst 1919 wieder eine Professur für Mechanik in Dresden.
Die Glanzzeit seines wissenschaftlichen und wissenschaftsorganisatorischen Wirkens lag aber in seinen Berliner Jahren zwischen 1920 und 1933. Dort hat von Mises das neue Institut für Angewandte Mathematik an der Berliner Universität geleitet und die Zeitschrift für Angewandte Mathematik und Mechanik (ZAMM) seit 1921 herausgeben. Noch von Dresden aus schrieb von Mises 1920 begeistert und mit Stolz an seinen Freund und Konkurrenten Theodor von Kármán (1881-1963): „Wie Du weißt, habe ich mich entschlossen, zu Ostern nach Berlin überzusiedeln, um dort einen wissenschaftlichen Großbetrieb zu übernehmen.“
Von Mises´ Ehrgeiz war nicht gering; er scheint sich als mathematischer Gegenpart zu Einstein gesehen zu haben, den er verehrte und den er gelegentlich auf Symposien in Berlin traf. Systematisch ging von Mises die wahrscheinlichkeitstheoretischen Probleme der Physik, einschließlich der neuen, aus dem Aufstieg der Quantentheorie sich ergebenden an. Alexander Ostrowski (1893-1986), selbst inzwischen Numeriker, hat 1966 die von Misessche als die „erste mathematisch seriöse Schule der angewandten Mathematik in Deutschland“ bezeichnet, wird dabei aber wohl Carl Runge (1856-1927) und seiner Schule in Göttingen (seit 1904) nicht ganz gerecht. In seinem kleinen Institut diskutierte von Mises statistische, mechanische und numerische Themen vor allem mit seiner einzigen Assistentin, Hilda Pollaczek-Geiringer (1893-1973). Obwohl von Mises und Geiringer eine ganze Reihe von Mathematiklehrern und Industriemathematikern ausbildeten, konnte jedoch von einem „wissenschaftlichen Großbetrieb“ keine Rede sein. Von Mises hatte auch so manchen Kampf um Anerkennung seines recht neuen Faches mit seinen Kollegen „reinen Mathematikern“ auszufechten, was auch das Habilitationsverfahren von Geiringer belastete.
Von Mises hatte ganz am Anfang seiner Zeit in Deutschland zwei berühmte und zeitweilig einflussreiche Arbeiten zur Axiomatik der Wahrscheinlichkeitsrechnung publiziert, die 1919 in der vom Springer-Verlag neugegründeten Mathematischen Zeitschrift erschienen. Von Mises hat seine auf dem Häufigkeitsbegriff fußende Auffassung von Wahrscheinlichkeit und seinen rudimentären Zufallsbegriff bis zu seinem Lebensende propagiert, insbesondere in dem Buch „Wahrscheinlichkeit, Statistik und Wahrheit“ (1928), das auch ins Englische und Russische übersetzt wurde. Moderne Mathematiker haben sich aber später für die maßtheoretische Begründung in der Tradition von A. N. Kolmogorovs Buch von 1933 entschieden. Die relative Erfolglosigkeit seiner Begründungsversuche in der Wahrscheinlichkeitstheorie haben von Mises´ bedeutende Beiträge in der Statistik etwas überschattet. Dazu gehört besonders seit den 1930er Jahren seine Theorie der statistischen Funktionen, eine Verallgemeinerung des Funktionalbegriffs auf Zufallsfunktionen, die später Einfluss unter anderem auf die moderne „robust statistics“ hatte. Auch von Mises´ Untersuchungen über statistische Extremwerttheorie, die 1923 mit seiner kurzen Note in den Sitzungsberichten der Berliner Mathematischen Gesellschaft begannen, sind einflussreich. Diese Arbeit über seltene Ereignisse hat auf das klassische Resultat von Fisher-Tippett (1928) und damit auch auf die Industriestatistik eingewirkt. Seinerseits war von Mises durch eine frühere Arbeit seines Berliner Kollegen der staatswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität, Ladislaus von Bortkiewicz (1868-1931), beeinflusst, die 1922 ebenfalls in den Sitzungsberichten der BMG erschienen war.
Wegen ihrer jüdischen Herkunft wurden von Mises und Geiringer 1933 von den Nazis aus Berlin vertrieben. Von Mises hätte noch ein oder zwei Jahre bleiben können, aber sah mit für ihn typischer Weitsicht was kommen würde; später gelang es ihm, sein Vermögen rechtzeitig vor dem „Anschluss“ (1938) aus Wien zu retten.
Damals befanden sich von Mises und Geiringer in türkischer Emigration, wo sie seit 1933 beim Neuaufbau der Universität in Istanbul geholfen hatten. Hier hatte von Mises trotz zusätzlicher Belastungen, wie dem Erlernen der türkischen Sprache, auch Muße, seinen literarischen und philosophischen Interessen nachzugehen. Er wurde eine auch von Germanisten anerkannte Kapazität für Leben und Schaffen des österreichischen Dichters Rainer Maria Rilke und gab mehrere Werke (vor allem Briefwechsel) Rilkes heraus. 1939 veröffentlichte von Mises in den Niederlanden sein „Kleines Lehrbuch des Positivismus“, das 1951 ins Englische übersetzt wurde.
Zur selben Zeit wurde die politische Entwicklung in der Türkei unvorhersehbar. Erneut schrieb von Mises an von Kármán, diesmal nach Amerika: „Das Risiko, vom Dritten Reich eingeholt zu werden, ist doch zu arg.“ Sein Freund konnte ihm jedoch nicht helfen, und von Mises musste eine nahezu unbezahlte Stelle an der Harvard University antreten, wobei ihm seine geretteten Ersparnisse halfen. Mit diesen konnte er auch eine Position von Hilda Geiringer an Bryn Mawr Frauen-College bei Philadelphia teilfinanzieren. Zuvor musste Geiringer aber aus Europa herausgeholt werden, das inzwischen im Krieg war. Von Mises´ persönliches Tagebuch, in das er fast jeden Tag eintrug, zeigt seine Sorge um das überleben seiner ehemaligen Assistentin:
„22. September 1939: Morgens im Inst. Telegramm von Ernst Geir., dass Hilda in höchster Not, keine Einreise nach England, kein Aufenthalt in Portug. Aufs äußerste erregt. Fast unfähig zu handeln. …
25. September 1939: Inzwischen durchs Ausbleiben der Antwort von Hilda aufs äußerste beunruhigt. … Nachmittags etwas zu arbeiten versucht, ohne Erfolg. Einer der gestörtesten Tage meines Lebens.“
1943 haben von Mises und Geiringer geheiratet; Arbeitsstellen am selben Ort waren ihnen nicht beschieden. Erst 1945 gelangte der Emigrant von Mises zu einer Professur an der Engineering School von Harvard.
Von Mises´ Verhältnis zu seinen ehemaligen Berliner Kollegen Hamel und Bieberbach, von denen sich besonders der Letztere stark für die Nazis engagiert hatte, war auch nach dem Krieg nicht ohne Spannungen. Um seine finanzielle Wiedergutmachung musste von Mises gegen deutsche Bürokraten kämpfen. Eine Berufung an die Berliner Akademie der Wissenschaften, die ihm in den 1920er Jahren wohl auch aus unsachlichen Gründen verwehrt worden war, konnte er nicht annehmen. Die Akademie war nämlich inzwischen unter ostdeutscher Führung, und von Mises wollte weder für Stalinismus noch für den von ihm hautnah erlebten McCarthyismus in den USA Partei ergreifen. Erst viele Jahre nach seinem Tod infolge eines Krebsleidens im Jahre 1953 wurde von Mises wieder mit der gebührenden Achtung von deutschen und internationalen Wissenschaftlern behandelt. Das lag zum Teil an einer gewissen Renaissance seiner Häufigkeitstheorie im Rahmen Kolmogorovscher Komplexitätstheorie. Ihren Ausdruck findet die auch heute anhaltende Anerkennung des österreichisch-deutsch-jüdischen Mathematikers, Ingenieurs, Literaturwissenschaftlers und Philosophen Richard von Mises unter anderem im Weiterbestehen seiner Zeitschrift ZAMM, in der jährlich in Berlin veranstalteten von Mises-Vorlesung und in dem von der Gesellschaft für Mathematik und Mechanik (GAMM) vergebenen Richard-von-Mises-Preis für jüngere Wissenschaftler.
 

Referenzen

[1]   H. Bernhardt: Skizzen zu Leben und Werk von Richard von Mises, in: österreichische Mathematik und Physik. Wolfgang Gröbner – Richard von Mises – Wolfgang Pauli, Hrsg.: W. Kerber, Zentralbibliothek für Physik, Wien, 1993, S. 51–62
[2]   Ch. Binder: Hilda Geiringer: Ihre ersten Jahre in Amerika, Hrsg. S. S. Demidov et al., Amphora, Birkhäuser, Basel, 1992, S. 25–53
[3]   Richard von Mises: Mechanik der Festen Körper im plastisch-deformablen Zustand, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen, 1913, S. 582-592
[4]   Richard von Mises: über die Variationsbreite einer Beobachtungsreihe, Sitzungsber. d. Berl. Math. Ges. 22 (1923), S. 3-8
[5]   Reinhard Siegmund-Schultze: Hilda Geiringer-von Mises, Charlier Series, Ideology, and the Human Side of the Emancipation of Applied Mathematics at the University of Berlin during the 1920s, Historia Mathematica 20 (1993), 364-381
[6]   Reinhard Siegmund-Schultze: A non-conformist longing for unity in the fractures of modernity: towards a scientific biography of Richard von Mises (1883-1953), Science in Context 17 (2004), S. 333-370
 

Bildnachweis

Porträt   Konrad Jacobs, mit freundlicher Genehmigung vom Bildarchiv des Mathematischen Forschungsinstituts Oberwolfach